Was eine Woche. Nach diesen fünf Arbeitstagen hatte Martin sich einen hochprozentigen Abend verdient. Mal wieder so richtig den Helm lackieren, die Schnittstellen härten, ja einfach mal wieder alle Regler auf null stellen. Er hatte morgens schon genug Bier kaltgestellt und geistig schon das Single Malt Glas angewärmt. Leider hatte er da die Rechnung ohne seine Frau Sandra gemacht, die den beiden einen Abend zu viert bescherte, Stichwort Pärchenabend, wobei die Wahl leider auf Sandras Schwester Susanne nebst neuem Partner gefallen war.
Mit Grausen dachte er noch an seinen Geburtstag vor 8 Wochen zurück, als Susanne ihren Heinz in die Familie eingeführt hatte. Bei den Beiden war es wohl Liebe auf den ersten Blick, wie sie immer und immer wieder erzählten. Sie hatten sich bei einem Canasta-Touristen-Turnier im spanischen Cartas de Juego kennengelernt und seitdem waren Sie Herzdame und Herzbube. Heinz erzählte an Martins Ehrentag auch, dass er immer Vorhautflimmern bekommt, wenn er Susanne sieht, so wie er es bis zu dem Zeitpunkt nur aus der Jugend kannte, wenn er bei Abwesenheit der Eltern im Otto-Katalog die Seiten für Damenunterwäsche aufgeschlagen hatte. Eine Information, auf die Martin gerne verzichtet hätte, man konnte sogar von einem Bond-Moment reden, denn er hatte sich geschüttelt, seine Frau Sandra hingegen war gerührt.
Martin hatte nach dem Abend den Eindruck, dass Heinz bei der Geburt wohl zu wenig Sauerstoff abbekommen hatte, denn als er ihm seinen Geburtsort Hückeswagen nannte, guckte Heinz völlig verdutzt. Auf Martins Nachfrage stellte sich heraus, dass Heinz nicht dachte, es dass es sich dabei um eine Stadt handele. Er dachte vielmehr, dass Martin nicht in einem Kreißsaal zur Welt gekommen war, sondern im Wagen eines Typen mit dem komischen Spitznamen Hücke. Erst vermutete Martin einen Scherz, aber das Lachen blieb aus, er konnte noch nicht einmal ein Zucken der Mundwinkel vernehmen. Die Blitzbirne meinte das ernst, vermutete sicherlich sogar eine Spontangeburt auf einer abgelegenen Landstraße in einem verrauchten Renault Twingo.
Wahrscheinlich ist für den Typen Privatsphäre ein Schiff für eine Person und bei Physalis handelt es sich um eine ansteckende Geschlechtskrankheit, dachte Martin und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Die Qualitäten von Heinz schienen andere zu sein, eventuell besaß er einen außergewöhnlichen Beckenbrecher, der Frauen den lädierten IQ vergessen ließ. Er erzählte an dem Abend auch noch, dass er im Grunde seines Herzens immer schon ein zierlicher Mensch sei, der sich nach der Scheidung von seiner Frau, der Weltklasse-Seglerin Inka Jütten, zu einer ungesättigten Fettsäule verwandelt hatte. Durch das Liebes-Aus oder besser gesagt durch die dazugehörige Rederei in der Reederei verlor er seinen Job als Segeltuchflicker auf Inkas Wettkampfschiff und saß durch die neu entstandene Tagesfreizeit den folgenden Sommer öfter mal tagelang in seiner Schlüpfersuppe auf der Couch, umringt von Chipstüten und einem Berg leergegessener Nuss-Nougat-Creme-Gläser. Diese hatte er mit den Fingern leergegessen und sogar einmal durch seine Gier die ganze Hand im Glas versenkt, die er nur durch zwei Pfund warme Butter wieder so dem Glas flutschen lassen konnte.
Da er selbst wusste, dass es so nicht weitergehen konnte, stieg er in eine Geschäftsidee ein, die sein Bruder Kasimir entwickelt hatte und die erstaunlich gut lief, im wahrsten Sinne des Wortes. Kasimir hatte in Bremen eine Jogging-Bäckerei gegründet, bei der die Verkäuferinnen hinter der Theke joggend die Kunden bedienten, da damit dem Ausdruck „Laufend frische Brötchen“ Nachdruck verliehen wurde. 7 Muskelfaserrisse, 5 verstauchte Knöcheln und 17 Platzwunden später, stieg Heinz aus der Firma wieder aus, hatte aber immerhin sein Gewicht von 143 Kilo auf 81 Kilo reduziert. Dann kam der Urlaub in Cartas de Juego und nun war Susanne ein Teil seines neuen, aufgeräumten Lebens.
All das erfuhr Martin an seinem Geburtstag, der leider eher einem schlechten Bio-Pic entsprach. Würde es heute eine Fortsetzung geben? Würde Heinz lückenlos daran anknüpfen? Gab es überhaupt noch etwas, das er an diesem Abend aus seinem Leben nicht preisgegeben hatte? Würde Heinz sich heute in vergleichbarer Art durch die Karte des Sushi-Restaurants fressen, wie er sich an Martins Geburtstag durch das Buffet gefräst hatte? Martin hatte sich gut vorbereitet, sich schon etwas die Rinne verzinkt und war zum Missfallen seiner Frau Sandra bereits zum leichten Wackelkandidat geworden.
Da saßen sie nun und blätterten durch die Speisekarte, als Susanne und Heinz mit einer halben Stunde Verspätung eintrafen. Martin traute seinen Augen nicht. Was war aus dem faltigen Mittfünfziger mit langem Pferdeschwanz (Frisur) und grauem Backenbart geworden? Sein gegenüber hatte plötzlich einen GI-Schnitt, einen fast wie auftätowierter 5-Tage Bart, eine letztens durch das blauweiß kartierte Langarm-Button-down Hemd nicht ersichtliche Brustbehaarung, die das Shirt sprengte und nebst behaarten Armen, die einem Flokati ähnelten. Alles in schwarz, sodass er mit seinem langen Hals einem Kormoran ähnelte, was ihm in Martins Kopf direkt den Spitznamen Kormoran-Heinz eingebrachte. Schon eine komische Sache, da sein Gesicht nicht zu seinem Spitznamen passte, denn bei der Straffung hatte es der Arzt zu gut gemeint und ihm dadurch Katzenaugen verpasst.
Naja, von einem Arzt konnte man da nicht mehr reden, eher von einem Europameister im Gesichtheben. Quasi einmal durch die Zauberkugel und zurück. Das Gesicht war in alle Richtungen so gestrafft worden, dass er über einen kleinen Katzenmund verfügte, was sicher auch den noch vorhandenen Schwellungen geschuldet war, aber perfekt zu den Augen passte. Während Martin und Sandra eine Fingerfoodauswahl für 2 Personen und jeweils eine Sushi-Spezialplatte orderten, bestellte Susanne für sich nur ein Wasser (klein, explizit in einer Flasche) und für Heinz eine Cola Zero (Groß, mit viel Eis und Strohhalm).
Während Susanne die Zitronenscheibe aus dem Wasserglas fischte und mit aller Kraft in die Flasche drückte, um dem Wasser etwas natürliches Aroma zu geben, erzählte sie, dass bei Heinz nach der OP in Istanbul beim Rückflug Komplikationen aufgetreten sind und sich alles noch weiter gestrafft hat, wahrscheinlich durch den Druck im Flugzeug, was den ausgeprägten Katzenmund erklärt. Durch diesen war Heinz im Moment nur in der Lage, Flüssiges zu sich zu nehmen, am besten kühlender Art. Daher erklärte sie sich solidarisch und beschränkte sich ich nur für eine Getränk und einen aus dem Kinderbelohnunglas des Restaurants stibitzen Erdbeerlolly, den sie lasziv lutschte, um Heinz (O-Ton) „Vorfreude auf den zu zweit ausklingenden Abend zu machen“. Diese letzte Aussage erzeugte bei Martin einerseits eine leichte Refluxzonenmassage, andererseits zauberte ihm die Aussicht auf einen zeitlich übersichtlichen Restaurantbesuch ein leichtes Grinsen auf den Lippen, da vor seinen geistigen Augen schon Bilder entstanden, die ihn mit einem Bier in der linken Hand und einem torfigen Single Malt in der rechten, leicht einnickend in seinem Lieblingsssessel zeigten. Das Leben ist schön, auch wenn Martin sich bei dem Gedanken charakterlich leicht vermackt füllte.