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Tandemsprung

Mick ist der Sohn der Eheleute Sonja und Holger Lage, die in der Krüder Innenstadt das erste vegane Tapas-Restaurant im Landkreis hatten, das den Namen Gemüse bei Lage trug. Holger und Sonja Lage kamen bei einem unfreiwilligen Nackt-Tandem-Sprung ums Leben. Da die beiden enthusiastische Nudisten-Downhill-Tandem-Mountainbiker waren und dabei oft ans Limit und auch darüber hinausgingen, war das für die Angehörigen kein Wunder, obwohl der Hergang wirklich sehr tragisch war. Als ihnen bei einer Tour im Oberbergischen nämlich die Kette absprang und sich die Bremse erst verkeilte, dann verteilte, konnten sie nur noch große Augen machen. Der Zeitpunkt hätte blöder nicht sein können, da die Kurve knapp verfehlt wurde, was an einer Schlucht schlicht schlecht ist. Holger schaffte es gerade noch, den kleinen Mick aus dem Kindersitz zu befreien und auf eine Sandfläche zu schleudern, dann ging es für die Eltern bergab. Schreie, Scheppern, quasi Knall auf Fall. Beim finalen Aufprall machte die Klingel ihr letztes Geräusch, einen Abgesang auf zwei Menschenleben beim unfreiwilligen Tandemsprung.

Der kleine Mick, gerade mal 6 Jahre alt, irrte nach dem Erwachen in der Sandkuhle mehrere Stunden durch den Wald und über steinige Wege, was barfuß und nur mit einem Fahrradhelm bekleidet eine echte Tortour war. Er schlief völlig entkräftet zwischen zwei Eichen ein, wo ihn eine greise Frau fand, die von den Dorfbewohnern nur „Die Alte“ genannt wurde. „Die Alte“ heißt mit bürgerlichem Namen Agnes Schnephöke und ist eine ehemalige Bestsellerautorin, die mit den historischen Romanen „Schamlippenbekenntnisse der Zugehfrau Johanna Achleitner im Nürnberg der 1920er Jahre“ und „Rasierte Fesseln – Der quälende und mordende Barbier aus Oberammergau“ wochenlang die Bestsellerlisten angeführt hat. Das dadurch angehäufte Vermögen ist weg, denn Schnepköke ließ sich vor einigen Jahren auf den Süd-Turkmenischen Guru Alwandromir ein, der mehrere Frauen um ihr Vermögen brachte und nun seit einiger Zeit von Interpol gesucht wird.

Schnephöke siedelte danach in eine Waldhütte um und entdeckte Esoterik und Naturheilkunde für sich. Sie ernährte sich seitdem nur noch von dem, was die Flora ihr zu bieten hatte. Früchte, Gräser und Blätter waren ihre Hauptnahrung, aber auch Pilze ließ sie sich schmecken. Leider hatte sie von denen keine Ahnung und geriet wie bei ihrem Geld auch bei den Pilzen an den Falschen. Sie erlebte ein 48-stündiges Delirium und seitdem denkt sie zeitweise, sie wäre ein Buntspecht. Das hat bis heute zur Folge, dass sie auf einen Baum klettert und dort längere Zeit verweilt. Nach ein paar Minuten hat sie dann meistens ein blutiges Gesicht vom gegen den Baum nicken und fällt einfach herunter, weil sie versucht, weiterzufliegen.

Nachdem sie Mick mit in ihre Hütte genommen hatte, nahm sie sich des Kleinen an und versorgte nach dem Klangschalen- und Seelenreinigungsritual seine geschundenen Füße. Sie schmierte sie mit einer Art Huflattich-Tannennadelpesto ein und wickelte sie in blanchierte Esskastanienblätter, um die Heilung zu beschleunigen. Siehe da, es verheilte, vernarbte und gab ihm die Möglichkeit, wieder zu laufen. So konnte er Tage später den restlichen Weg Richtung Tal meistern, wo die Ordnungsbehörden sich um ihn kümmerten, aber auch die landesweite Presse geradezu über das Ereignis und über ihn herfiel. Allerlei böse Worte waren da zu lesen, die auf das Restaurant seiner Eltern anspielte, wie etwa in der Lokalpresse Begriffe wie „Sprossling“ und „Häppchenwaise“ oder im benachbarten Kölner Raum der „Tapas-Tuppes“.

Zum Glück wurde Mick von seinem Onkel Holger Gerricke und dessen Frau Gwyneth aufgenommen, die im schönen St. Schombert an der Wumpe wohnen, einem Ort, der heute noch dafür bekannt ist, dass in ihm Cartoo nisten, eine Gattung unterhaltsamer Vögel, die früher auch in Osteuropa beheimatet waren, dort aber mittlerweile leider durch politische Entscheidungen fast ausgestorben sind. Gerricke war Vorarbeiter in der örtlichen Knickebeinfabrik, die ganz Deutschland zu Ostern und Weihnachten mit Schokoladenleckereien versorgte, die eine Fondantmasse mit einer Mischung von Eier-und Fruchtlikören intus hatten, die der Volksmund auch heute noch Knickebein nennt.

Immer gab es dort Schokolade mit Knickebein gefüllt. Wenn andere Familien zu Ostern und zu Weihnachten mit den Geschmacksrichtungen Marzipan, Nougat, Milchcreme oder auch Erdbeere gefüllte Schokolade auf ihren bunten Tellern hatten, gab es bei ihnen nur Knickebein und das sogar ganzjährig. Eier, Hasen. Küken, Weihnachtsmänner, Glocken, Stiefel, Sterne, alles war mit Knickebein gefüllt. Natürlich nicht die heilen Exemplare, die waren ausschließlich für den Verkauf bestimmt. Es gab nur den Schokoladenbruch, den Ausschuss, die Schmierware. Hatte man es geschafft, ein Exemplar aus der Silberfolie zu befreien, wirkte es so, als hätte man Wichse unter den Nägeln. Heutzutage kann er es weder riechen, sehen, vom Schmecken ganz zu schweigen.

Trotzdem war es eine schöne Kindheit, wenn man mal vom Verlust seiner Eltern und dem leichten Dauerdelirium und den verschlierten, vernebelten und eingeschränkten Blick durch die Knickbeinversorgung absieht. In der Schule lernte er Paul Friese kennen, einen Freund fürs Leben, wie sich über die Zeit herausstellen sollte. Paul Friese war schon damals begeisterter CB-Funker und Musikliebhaber. Die beiden schlugen sich schon früher die Nächte um die Ohren, um Musik zu hören oder mit den LKW-Fahrern aus ganz Europa Kontakt aufzunehmen, wenn sie diese ans Funkgerät bekamen.

Paul Friese ist heutzutage glühender Fan der Band Truck Stop. Er hat sich sogar ein Truck Stop Zimmer eingerichtet, in dem er alle Bandalben auf Kassette, CD und Vinyl fein säuberlich in den Regalen verstaut hat. Eine persönliche Grußbotschaft der Band und alle Konzertkarten hängen gerahmt an den Wänden. Die Autogramme der Bandmitglieder hat er sogar auf seinen Rücken tätowieren lassen und den Name der Band hinter das linke Ohrläppchen. Wenn Paul Stress mit seiner Frau hat, zieht es sich seine Schlangenleder-Cowboystiefel an und kombiniert dazu sein hellbraunes Hemd mit Ethnomuster und Collar Tips zur ausgewaschenen Jeans. Dazu noch eine Lederweste mit Fransen, ein Bolo Tie und natürlich seinen Lieblingshut, einen Stetson aus Rinder-Spaltleder, den er mal auf einem Nachtflohmarkt in Oer-Erkenschwick erstehen konnte. So zieht er sich dann in sein Truck Stop Zimmer zurück und entspannt bei Countrymusik, die das Zimmer zu einem Wohnfühlort macht. Manchmal guckt sich Paul auch den VHS-Mitschnitt von der Hitparade an, in der er dem Sänger von Truck Stop während des Auftritts live im Fernsehen ein selbstgemaltes Bild übergab, auf dem er sich einfach als weiteres Bandmitglied hinzugemalt hatte.

Seit 3 Wochen kann das Zimmer sogar mit einem neuen Highlight aufwartet, das seiner Liebe zum CB-Funk gewidmet ist. Er hat die 4 Wochen genutzt, in der seine Frau in Carolinensiel zur Kur war, um in das Zimmer, das ihm sowieso immer zu leer erschien, zusammen mit seinem Freund Mick ein LKW-Führerhaus einzubauen. Statt einer Windschutzscheibe ist ein riesiger Flachbildfernseher verbaut, auf dem Paul den Brummi-Simulator laufen lässt und durch ganz Europa „fährt“. Letztens fuhren er und Mick bis nach Zagreb, denn sie können sich jetzt die Fahrt aufteilen, weil Paul auf einem Kleinanzeigenportal eine echte Schlafkoje aus einem zu verschrottenden LKW erstanden hat. Das Ding ist etwas durchgelegen, da es schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Man könnte glatt von einem Sumpfbett reden, da man mit der Zeit fast komplett einsinkt und die Sorge um ein mögliches Ersticken immer mitfährt.

Fast hätte Mick die Fahrt verpasst, da er sich noch mit seiner Nachbarin verquatscht hatte. Da er aber zum Glück die Abmachung mit Paul hat, dass er sich in solchen Fällen mit einem Pappschild, auf dem das Fahrziel zu lesen ist und einem ausgestreckten Daumen an die am Truck Stop Zimmer befindliche Terrassentür stellen soll, um dann „eingesammelt“ zu werden, war das auch kein Problem. Ehrlich gesagt, kam ihm das auch sehr gelegen, denn zu lange Fahrtzeiten kann Mick ja sowieso nicht fahren, da seine Füße immer noch verhornt, vernarbt und sehr schmerzempfindlich sind. Aber die beiden Freunde haben Spaß miteinander und das ist ja die Hauptsache.

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