Die Stirn an der Fliese angelehnt, so stand Kunibert am Pissoir. Er muss lange in dieser Stellung gestanden haben, denn seine Beine kribbelten. Er schleppte sich Richtung Waschbecken, um sich die Hände zu waschen und blickte dabei in den Spiegel. Er sah, dass sein Gesicht dreckig war, wie auch seine Kleidung, was auf einige Stürze an diesem Abend hindeutete. Sein Gesicht war übersät von Lippenstiftresten in verschiedenen Farben und an seinem Hals waren 2 Knutschflecke „in voller Blüte“. Als er sich gerade umdrehen wollte, um sich die Hände abzutrocknen, flog die Tür auf und im nächsten Moment klickten die Handschellen. Aber nicht bei ihm, sondern am Nebenbecken, an dem sich gerade ein Mann ein Päckchen Koks durch die Nase gezogen hatte. Glück gehabt.
Was ein Tag, was ein Abend, was ein Höllenritt. Es hatte eine monatelange Vorbereitung gebraucht, denn für seinen Plan musste er ein Gebäude ausspähen, die Sicherheitsvorkehrungen prüfen und die Pausenzeiten der Security nebst Schichtwechsel akribisch ermitteln. Auch sein Erscheinungsbild hatte er verändert, indem er seinen Mecki-Schnitt durch schulterlanges Haar ersetzte und sich einen Vollbart wachsen ließ. Außerdem gewöhnte er sich einen schlurfenden Gang an, bei dem er das linke Bein nachzog, als wäre es versteift worden. Kunibert trug außerdem eine Art Buckel, den er sich aus der Füllung eines am Straßenrand gefundenen Sessels geformt hatte und sich als eine Art Morgenroutine hinten in sein Oberteil steckte. Seine eigene Mutter hatte ihn in der letzten Woche beim Einkaufen nicht erkannt, war einfach an ihm vorbeigelaufen.
Alles nur, weil Pfarrer Bentelle ihm in seiner Jugend Unrecht getan hatte, denn er war beim Kollekte-Schätzen übergangen worden. Alle Konfirmanden sollten den Wert der Kollekte des Konfirmations-Gottesdienstes schätzen. Sein Tipp wäre mit 843, 85 DM der zweitbeste gewesen, genau 30 Pfennig hinter Denny Eichner und somit wäre Besitzer eines Lamy-Kugelschreibers gewesen, dem zweiten Preis nach einem Lamy-Füller inklusive Pferdeleder-Etui. Aber der Pfarrer mochte ihn nicht, was dazu führte, dass der Wettbewerb manipuliert wurde und Kunibert leer ausging. Als er Pfarrer Bentelle zur Rede stellte, kanzelte der ihn mit dem Spruch „Dich als Heiligen darzustellen, steht dir nicht gut zu Gesicht.“ ab.
Das hatte sich in sein Gehirn eingebrannt. Er war um 6 Uhr aufgestanden und saß in der Bahn um an diesem Tag, Jahrzehnte später, die Welt vom Gegenteil zu überzeugen.. Er hatte einen Bollerwagen dabei, um Werkzeug und den mit einem Bettlaken umwickelten Inhalt zu transportierten. Es handelte sich um eine Figur, die er in minutiöser Kleinarbeit aus über 23500 Kaugummiresten (teils eigens durchgekaut, teils unter Parkbänken und an Bushaltestellen gesammelt) modelliert hatte. Die Feinheiten wurden von ihm mithilfe von Multifunktionsgeräten, Kleinspachteln und einem Teppichmesser herausgearbeitet. Für zwei Stellen hatte er sich sogar den Nagel des linken Zeigefingers auf ca. 4 cm Länge wachsen lassen, was ihn im Alltag etwas einschränkte, aber perfekt zu der Vollendung seines Werkes beitrug.

Zur geplanten Zeit eilte er mit dem Bollerwagen Richtung „Tatort“, nahm den morgens angemischten Betonkleber, der in einer von ihm eigens mit einem Motor versehenen Bingo-Maschine in der verarbeitungsbereiten Konsistenz gehalten wurde und kletterte auf einen Klapphocker. So erreichte er den leeren Sockel, auf dem eine Heiligenfigur fehlte, da diese gerade zur Restaurierung in der Werkstatt war. Aber für die wäre gleich keine Chance für eine Rückkehr an den angestammten Platz, denn Kunibert hatte da seine eigenen Vorstellungen und klebte ein Abbild von sich in Heiligenoptik dort fest.
Um seine Spuren zu verwischen, hatte er nach der Tat zuerst den Bollerwagen nebst Inhalt im nahegelegenen Fluss versenkt und danach einen Friseur in der City aufgesucht, um sich Schädel und Gesicht rasieren zu lassen. Mit diesem neuen Look ausgestattet, hatte er die obere Schicht seiner Kleidung in einem dafür vorgesehenen Container entsorgt und war so von einem Arbeiter im Maleranzug zu einem Mittdreißiger in sportlicher Freizeitkleidung mutiert. Er lief wieder normal und schob den Schaumstoff vom Rücken in die Bauchgegend, um einen leichten Bierbauch anzutäuschen.
Danach hängte er sich an verschiedene Junggesellenabschiede, um unerkannt in den Abend zu verschwinden. An die 3 Kölsch in der „Zapfhenne“ konnte er sich noch gut erinnern, da ihm eine alte Frau vom dort feiernden Wanderverein „Das sind nicht 20 km“ beim Gang auf die Toilette ihren Walking-Stock in den Schuh gebohrt hatte. Auch die SkiSchuh-Bar war ihm noch im Gedächtnis geblieben. Getränke gibt es da wirklich nur in Ski-Schuhen und zwar in den Größen 36, 40 und 44. Ein verrücktes Geschäftskonzept, aber durch die Lokalität, die einer bayerischen Skihütte nachempfunden ist, scheint sich der Laden etabliert zu haben. Seit diesem Lokal hatte er einen Ohrwurm, den „Leckmuschelsong“ von den Leckis, der ihn den ganzen Abend begleiten sollte.
Dann war da noch die Cocktail-Bar Iris Bourbon, die er aber schnell verließ, denn es ist halt Purist durch und durch, was bedeutet, dass ein Getränk nur aus zwei Zutaten zu bestehen hat, eins davon das Glas. Hinzu kamen noch etwa 3 andere Lokale, dessen Namen ihm entfallen waren, seinem Körper aber nicht, denn der dort konsumierte Alkohol hatte seine Wirkung entfaltet. Schuld daran war wohl auch Miriam, eine 52-jährigen LKW-Fahrerin, definitiv seine Endgegnerin. Sie war keine Frau, die kochte, wie seine Mutter, sondern soff, wie sein Vater. Eine Vertreterin der Gattung, die sich fragte, warum Wodka-Flaschen einen Schraubverschluss zum Wiederverschliessen haben. Sie hatte ihn fast im Alleingang in diese Situation am Pissior gebracht, was sicher auch daran lag, dass es sich bei den anderen Trinkpartnern dieses Abends um Vertreter der Generation handelte, für die ein Radler ein Bier und somit ein ernstzunehmendes alkoholisches Getränk ist. Es war 22:30 und er war breiter als das Grinsen in seinem Gesicht. Er hatte es geschafft, er war Sankt Kunibert. Das gab ihm die Genugtuung, die er brauchte und ganz ehrlich, das war besser als so ein blöder Kugelschreiber.
Am nächsten Tag saß Kunibert bei seiner Mutter am Kaffeetisch. Er hatte vergessen, dass ja Mutters Frauen-Klönschnack-Eierlikörvormittag stattfand. 5 Silberpudel jenseits der 80, die sich eine mit Alkohol versetzte Legebatterie schmecken ließen und er mittendrin, der heute keinen Alkohol sehen, riechen oder schmecken konnte. Im Fernsehen lief natürlich der Fernsehgarten, der am Fliesentisch der guten Laune von einer Mischung schnippischer, frivoler und kritischer Laune begleitet wurde. Aber was war das? Gerade als die Leckis mit dem „Leckmuschelsong“ kommen sollte, unterbrachen der Sender die Live-Show für eine Schaltung an den Ort, den Kunibert sehr gut kannte. Es wurde über Kuniberts Tat berichtet, auch wenn nur er wusste, dass es sich um ihn drehte. Erst jetzt sah er den handwerklichen Fehler, denn er hatte den Farbton der anderen Figuren überhaupt nicht getroffen, was zur schnellen Entdeckung von „Sankt Kunibert“ geführt haben musste. Die Figur wurde zwar entfernt, stand aber wenigstens ein paar Stunden. Und zu seinem Glück wurde sie beim Abbau so stark beschädigt, dass von der Optik her keine Spur mehr zu ihm führte. Und da es sich bei den Kaugummis um einen bunte DNA-Sammlung von tauschenden Kauboys und Kaugirls handelte, sollte man da auch nicht auf ihn als Täter kommen.