Jürgen Wuttke ist der wohl bekannteste Diskopumper Deutschlands. Beine wie Strohhalme und ein Oberkörper wie ein Bergmassiv, das macht einen Diskopumper aus. Morgens lebt er seinen Schaum, denn ein Besuch in der Badewanne ist Pflicht. Ihm ist das Baden so wichtig, dass er vor ein paar Jahren in England (Home of Badebomben) einen Lehrgang als Badebomben-Sommelier gemacht hat. Außerdem ist er wahrscheinlich der einzige Spagat-Bader der Welt, da er mit seinen Lauchbeinen perfekt in die Wanne passt, aber sein Konzertflügel-Kreuz nur so eine Badesession erlaubt. Wegen seiner Räuberleiter im Schritt ist Jürgen ebenfalls gehandicapt, braucht also eine breitere Wanne, da ihn das Baden immer freudig erregt. Die Wannewonne ist die perfekte Abwechslung zur Klappkaribik, die er täglich vor der Badesession für eine halbe Stunde nutzt und der er seine Bräune zu verdanken hat.

Da er mit seinem Mofa Tag und Nacht durch die Gegend fährt, nennt man ihn überall nur „stählerner Jürgen“. Das Mofa ist so aufgemotzt, dass alle technischen Möglichkeiten ausgenutzt sind und die Lautstärke einer startenden Boeing 727 erreicht wird. Trotzdem ist Jürgen damit nicht schneller als 19 km/h, da dieses fragile Gebilde durch unzählige Stahlverstrebungen unglaublich schwer ist. Diese Konstruktion wird aber wegen seines Körperbaus benötigt, denn Jürgen ist halt oben Schrankwand und unten Beistelltisch.
Jürgen war schon immer nett und hilfsbereit, da kann niemand widersprechen. Manchmal fragt er sich, was aus den Menschen geworden ist, die ihn nach dem Weg gefragt hatten, denn er ließ sich auch in den Momenten absoluter Ahnungslosigkeit nichts anmerken und bluffte wie ein Pokerweltmeister. Durch seine Statur und den exzessiven Hang zum Baden stempelten ihn die Nachbarn aber eher als träumerischen Spinner ab. Dabei schlummerte in ihm nur ein dunkles Geheimnis, das sein Verhalten erklären würde, hätte er es nur mal geäußert. Er hatte nämlich im Alter von 7 Jahren nicht auf seine Mutter gehört, was dann für ihn zu einem lebenslangen Trauma führte. Das kann er einfach hinter sich lassen, denn es hat sich in Herz und Hirn eingebrannt.
Jürgen nutzte damals die Abwesenheit seiner Mutter, um gegen ihren Rat seinen Hamster Hägar im riesigen Wohnzimmer laufen zu lassen, statt in seinem kleinen Kinderzimmer. Das ging anfangs auch gut, doch auf einmal rannte Hägar hinter das große und schwere Massivholz-Ecksofa, das zu Hägars Nachteil mit nur 5 cm Abstand zur Wand platziert worden war. Hägar verkeilte sich dort. Rien ne va plus, nichts geht mehr. Weder bei Hägar, noch bei der Couch. Jürgen versuchte mit aller Kraft, dieses Möbelstück zu bewegen, aber es war zu schwer und er mit seinen Luftpumpen-Armen und seinem schmächtigen Oberkörper einfach zu schwach. Das Fiepen von Hägar wurde immer lauter, immer schriller, immer verzweifelter, bis es schließlich verstummte. Hätte er ihn nur nicht im Wohnzimmer laufen lassen und vor allem, hätte er ihn einfach mal weniger gefüttert, denn gewichtsmässig war Hägar eher Meerschweinchen. Wäre er nicht von der Couch erledigt worden, hätte sicherlich der Sensenmann „böswillige Überfettung“ in den Einlieferungsbericht für den Hamsterhimmel geschrieben.
In der Hoffnung, dass seine Mutter den Vorfall nicht bemerkt hatte, ging Jürgen am nächsten Tag zum alten Dederichsen, der im Alter von 86 immer noch jeden Morgen seine Zoohandlung aufsperrte. Sein Ziel, einen neuen Hamster zu besorgen meisterte er mit Bravour, denn Dederichsen gab ihm einen, der Hägar bis auf ein paar Härchen glich. Er musste ihn noch nicht mal bezahlen, denn der Alter schenkte ihm das Tierchen mit dem Spruch „Gut, dass du mir einen abnimmst, die vermehren sich sowieso wie die Karnickel“. Wahrscheinlich hatte er Jürgens Not bemerkt und wollte ihm nicht auch noch etwas von seinem mageren Taschengeld anknöpfen. So packte Jürgen Hägar 2 bei seiner Rückkehr in die Wohnung direkt in den Käfig und sagte keinem ein Sterbenswort.
Damit es durch den Tod seines kleinen Freundes im Wohnzimmer nicht zu Geruchsbelästigungen kommen konnte, bediente Jürgen sich an Mutters schier endlos erscheinenden Badebomben-Arsenal, bei dem Sie selbst schon lange den Überblick verloren hatte. Er holte sich die Muskatreibe aus der Küche und hobelte eine halbe Badekugel über den leblosen Hamster, damit sich keine fiesen Gerüche verteilen konnten. Der Hamster sah danach aus, wie ein übergewichtiger Flipflop-Bergsteiger, der auf einem Gletscher liegend zwar nur teilweise von einer Lawine bedeckt war, sich aber wegen seines Gewichts nicht selbst befreien konnte.

Zwei Jahre später musste die Couch raus. Mutter hatte sich für eine leichtere Ledercouch nebst 2 Sesseln als Nachfolger für die schwere Cord-Massivholz-Ausführung entschieden. Jürgen war schon sehr nervös, weil er befürchtete, dass jetzt alles herauskam. Aber er hatte Glück, denn Hägar war ihm nicht nur als Herz gewachsen, sondern mittlerweile auch ans Sofa. Das Tier war einfach ein Teil des Sofas geworden, quasi eine Symbiose der besonderen Art. Die Augen wirkte fast wie Torx-Schraubenköpfe, die komplett in der Couch versenkt wurden. Jürgens Mutter fragte sich nur, wer in der Familie eine solch auffällige Schuppenflechte hatte.
Beruhigt ging Jürgen in sein Zimmer, um den Käfig vom schlanken Hägar 2 zu reinigen, nichtsahnend, dass es sich um Hägar 3 handelte. Hägar 2 hatte es eines Tages doch tatsächlich geschafft, eigenständig den Käfig zu öffnen und war dann Opfer von Mutters Staubsauger geworden. Sie hatte gewissenhaft hinter dem Schrank gesaugt, als sie am Saugrohr einen dumpfen Schlag spürte, der von einem lauten „Fump“ begleitet wurde. 30 Minuten später wurde der alte Dederichsen durch Jürgens Mutter von einem dritten Hamster befreite, den sie gerade noch rechtzeitig vor Jürgens Rückkehr aus der Schule in den Käfig setzen konnte.
Das Geheimnis nahm Jürgens Mutter vor 2 Jahren mit ins Grab, That‘s Life.