
Hajo Mohn hat vor der Stadtehe von Herne und Wanne-Eickel in Röhlinghausen, dem Mittelpunkt des Ruhrgebiets, das Licht der Welt erblickt. Er ist im Jahr 1958 geboren, hat also bis kurz vor seiner Volljährigkeit Herne und Wanne-Eickel als eigenständige Städte erlebt. Anlässlich des 50. Jubiläums des Anschlusses von Wanne-Eickel an die Stadt Herne hatte Hajo sich etwas ganz besonders ausgedacht, etwas Epochales, etwas, das in die Stadtgeschichte eingehen würde. Er wollte von Wanne-Eickel nach Herne mit einem ganz speziellen Grenzübertritt, denn zu Fuß, mit Bus und Bahn, Fahrrad, Auto und Co. kann das ja jeder. Also plante er in seiner Garage den Bau einer auf 50 leere PET-Flaschen gelagerten Badewanne, mit der er auf dem Rhein-Herne-Kanal von Wanne-Eickel Richtung Herne fahren wollte.
Durch seine Sehschwäche war er noch nie ein großer Heimwerker und kann nicht wirklich mit so Dingen wie Stichsäge, Bohrmaschine, Nagelschussgerät, Elektrotacker, Tischkreissäge und Co. so umgehen. Es bestand immer die Gefahr, dass er dabei Gliedmaßen verliert, beziehungsweise man befürchten musste, dass er sich aus Versehen irgendwo mit Nägeln oder Tackerklammern so befestigt, dass er sich nicht allein aus dieser Situation befreien konnte. Hajo hat nämlich von Geburt an so schlechte Augen, dass es schon ab dem 5. Lebensjahr durch die Dicke der Brillengläser so aussah, als hätte ihm der Optiker seines Vertrauens aus Draht ein Gestell gebaut, in das 2 Flaschenböden von 0,33 Liter Glasflaschen eingebettet waren. Gerüchteweise wurde ihm von seinem Optometristen mittlerweile das Verbot erteilt, direkt in die Sonne zu schauen, da ihm dadurch sofort die Augen durchschmoren würden. Doch nun musste Hajo sein handwerkliches Restgeschick bündeln, um sein Vorhaben mit der Kanaldurchfahrt realisieren zu können.
Und es gab noch ein weiteres Problem, das es galt, zur Seite geräumt zu werden. Die Waage sagte „zu schwer“, also musste er Gewicht verlieren und zwar ziemlich schnell, denn die Zeit drängte. Es war bereits der 03. August 2024 und bei Hajo mussten bis Silvester insgesamt 15 Kilo runter, um auch sicher über Wasser zu bleiben. Die Grillsaison war damit erledigt und auch die Pilsken ab sofort gestrichen. Statt täglich gab es nur noch einmal wöchentlich Wiener Schnitzel, Pommes und Co., an den anderen Tagen kamen Salat und Gemüse auf den Tisch des Hauses. Mit Gemüse hatte er kein Problem, aber Salat lehnte er eigentlich schon allein wegen der Strünke dermaßen ab, dass er jeden Tag mit seinem inneren Schweinehund kämpfen musste. Abends war anstelle von Salzstangen und Chips nur ein Salzleckstein angesagt, den Hajo vom Gestüt „Jobst von Pöppinghaus-Enklage“ hatte, auf dem er bis zum Renteneintritt vor 3 Monaten Pferdewirt war. Als Ersatz für Weingummis und Schokolade sollte ab sofort eine Süssholzwurzel herhalten und die konnte er sogar beim Bau kauen.
Die sonst so aufgeräumte Garage sah plötzlich aus, als würde hier Horst hausen, ein stadtbekannter Messi, mit dem Hajo auch miettechnisch Bekanntschaft gemacht hat. „Das war Mitte der 90er, da hat unser Fritz noch gelebt, der kleine Streuner, den wir damals aus dem Tierheim geholt haben“, erzählt Hajo immer von seinem Rauhaardackel Fritz II. von Crange, der ganze 27 Jahre alt wurde. „Ein ganzer Kerl dank Papi“ schob er dann immer noch nach und vergoss ein Tränchen. „Hätte ich ja wissen müssen, dass der, den man da ins Haus holt, hausen will, wie der letzte Mensch. Schließlich hat Fritz ihm 30 Minuten mit den Zähnen in der Cord-Latzhose gehangen, einer so siffigen Hose, dass man Sie vor Dreck fast hätte in die Ecke stellen können. Einen Monat später war Fritz nicht mehr, lag mit rausgestreckter Zunge vor dem Kamin, er war einfach für immer eingeschlafen. „Trotz seines hohen Hundealters ein sehr schlimmer Moment für mich, aber jetzt ist wieder alles Eickel Sonnenschein“ sagte Hajo immer und wechselte das Thema.
Am 31. Dezember war der Zeitpunkt gekommen und Hajo stach in See, also besser gesagt in den Kanal. Es war bitterkalt und die ersten Raketen waren am Himmel zu sehen, denn für viele Bürger war es ja ein ganz normaler Silvesterabend. Er paddelte langsam, aber immer noch schnell genug, um das kleine Transportschiff „Börnig Love“ kurz vor der Stadtgrenze zu überholen. Punkt 0 Uhr machte er rüber und wurde wenig später von einem plötzlich aufflackernden Lichtkegel begrüßt. Seine Tauben-Freunde Emil Swoboda und Yüksel Erdal aus dem Taubenzüchterverein „Pferde mit Flügel 1985. e. v.“ hatten den Oberbürgermeister ebenso von Hajos Aktion erzählt, wie auch Pat Achimschat vom lokalen Radio und Chris La Stoffa von der Lokalzeitung. Hajo war vor der Stadtgrenze schon über das Gemurmel verwundert gewesen, konnte aber nichts erkennen, als kleine flackernde Feuer.

Aber nun wusste er Bescheid, denn überall waren kleine Pavillons aufgebaut, in denen sich Leute an den „Lagerfeuern“ wärmten, auf denen Flammkarpfen brutzelten, die zuvor vom örtlichen Fischereiverein aus dem Rhein-Herne-Kanal geholt wurden. Dazu gab es heißes „Herner Kirschbier“ und kaltes „Wanne-Eickeler Lagerbier“, um auf Hajos Aktion anzustoßen, die als Geheimaktion geplant war, nun aber zum Stadtfest avancierte. Hajo gönnte sich nach dem Verlassen der Wanne beide Hopfenschorlen, was nach Monaten der Abstinenz eine Wohltat war. Endlich wieder Bier in der Kehle zu spüren und dann noch aus Herne und aus Wanne-Eickel, das war schon was. Nach der zweiten Portion Flammkarpfen folgte dann noch die Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt Herne durch den Oberbürgermeister. Die Gemeinschaft „Freiheit für Wanne-Eickel“, die morgens den feierlichen Festakt, bei dem die letzte existierende Grenzmarke entfernt wurde, noch mit Trillerpfeifen, Nasenflöten und Triangeln gestört und zum Ende ein Banner mit der Aufschrift „50 Jahre Unterdrückung – Gebt uns unser Stadtrecht zurück!“ entrollt hatte, hielt sich nun anscheinend zurück. „Sie hatten bei Hajos Ankunft schon so tief ins Glas geschaut, dass von ihnen an dem Abend wohl keine Störaktionen mehr zu erwarten sind“ witzelte Polizeichef Rolf-Dirk van Anken.
30 Minuten später wurde er allerdings eines Besseren belehrt, denn Erwin Lottner der 1.Vorsitzende von „Freiheit für Wanne-Eickel“ und sein Schriftführer Siggi Sattmann hatten von der Menge unbemerkt zuerst 2 Flammkarpfen-Bretter entwendet, sich dann in Hajos Wanne gesetzt und versucht, diese als Protestzeichen wieder nach Wanne-Eickel zu bringen, indem sie mit den Brettern wie die Verrückten paddelten. Durch ihr Gewicht schafften sie es aber nicht zum Wanner Nass, sondern gingen bereits nach wenigen Metern unter. Unter dem Applaus der johlenden Menge wurden sie von der Hunde-Rettungsstaffel „Pluto“ aus dem Wasser gezogen. Während sie van Anken abführte, reckten sie die Faust, Lottner lallte ein „Der Kampf wird niemals Enden“ und Sattmann antwortet mit einem kaum zu verstehenden „Freiheit für Wanne-Eickel“.
+++ Pressemitteilung +++
Am heutigen 2.1.2025 haben wir einstimmig beschlossen, unsere Gruppe „Freiheit für Wanne-Eickel“ aufzulösen. Wir sind immer noch so peinlich berührt von der Tat unseres 1. Vorsitzenden und unseres Schriftführers, dass wir uns zu diesem Schritt entschlossen haben.
gez.
Hagen Hollermann
2. Vorsitzender