Angus Propinski sitzt in der Herner Villa mit Altbaucharme und lässt sein Leben Revue passieren. Er hat es sich an dem Kamin, in dem das Holz einer alten Rotzeder vor sich hin glimmt, mit einer Zigarre und einem Glas Rotwein gemütlich gemacht. Ihm gegenüber sitzt seine Frau Veronika, die gerade erst vom Kreischorwerk zurückgekehrt ist, das Sie seit 15 Jahren leitet. Beim Durchblättern des dicken Fotoalbums dachte er sich heute Abend mehr als einmal, dass sein Leben jetzt auch ganz anders aussehen könnte. Er könnte jetzt in einem spärlich eingerichteten Seniorenzimmer mit kleinem Hoffensterchen leben, statt wie jetzt einen Blick durch zwei Flügeltüren in einen parkähnlichen Garten zu genießen, in dem er dem professionellen Baumentaster bei der Arbeit zusehen kann.
Es treibt ihm die Schamesröte ins Gesicht, wenn er sein Aussehen als Jugendlicher sieht, das auf dem Fotopapier festgehalten ist. Bei Schuhen war es ihm zu der Zeit nur wichtig, dass noch genug Sohle rund um ein reingelaufenes Loch vorhanden war. Die Lederhose, die er tagtäglich trug, roch wie ein 20 Jahre altes Kartenspiel aus einer schäbigen Eckkneipe. Oberteile holte er sich regelmäßig aus dem Kleidercontainer, was ihm einmal fast zum Verhängnis wurde, da er eines Abends das Gleichgewicht verlor und kopfüber in den Container fiel. Da er über eine stattliche Fingernagellänge verfügte, konnte er damit eine Verschraubung am Container lösen, um sich eigenständig aus diesem zu befreien. Das hätte auch anders ausgehen können, da hatte er sicherlich mehr Glück als Verstand.
Nach dem Erhalt der Erbschaft änderte sich sein Stil komplett. So lief er außerhalb seiner Villa nur noch in Budapestern aus Pferdeleder (natürlich ausschließlich aus Lipizzanern gefertigt) und mit einem Berlutti Knoten versehen durch die Gegend. Er trug ausschließlich blütenweiße Hemden mit Button Down Kragen. Natürlich mit weißen Knöpfen, denn mal ehrlich, mit schwarzen Knöpfen an einem weißen Hemd sieht man ja aus wie ein Schneemann und wer will das schon? Versorgte er sich damals kleidungstechnisch fast komplett containernd in der Seitenstraße, trug er heute edelste Krawatten aus der Seidenstraße. Sein Leben hatte durch die Erbschaft mehr Struktur als seine Sakkos, obwohl er da auch nur feinste Massanfertigungen trug. Kurz gesagt: Er sieht auf einigen Bildern aus, wie eine Mischung aus Singsang-Herzschmerz-Heile-Welt-Schlagersänger und Hartgeld-Zuhälter aus Oer-Erkenschwick.
Dass er am Lebensabend eine Partnerin an seiner Seite haben würde, war zeitweise undenkbar. Erstens hatte er sich ja früh dagegen entschieden, Stil zu haben und zweitens konnte man ihn liebestechnisch eher als Spätstarter bezeichnen. Als er damals nach dem Abitur doch mal ein Mädchen mit nach Hause bringen wollte, sagte ihm seine Mutter, er solle die Schlafcouch bitte frisch beziehen, damit die Holde nicht allein durch das Hinsetzen aufs Bettlaken schwanger werden würde. Obwohl er trotz der edlen Kleidung bis heute noch wie ein Sack Knöpfe aussieht, hat er immer noch diese erste Liebe an seiner Seite, die einfach genau sein Beuteschema war und ist. Er steht halt auf ältere Frauen, da trifft es sich gut, dass Veronika immerhin 27 Tage älter ist und dadurch sogar ein anderes Sternzeichen hatte. Die Partnerschaft wurde seit der Erbschaft auf eine harte Probe gestellt, die zeitweise sogar zur Trennung geführt hatte. Diese Erbschaft hatte nämlich eine abstruse Struktur in sein Leben gebracht, die davon dominiert war, immer in das gleiche Restaurant zu gehen, den Xin Quan Ping Palast Express 3000.
Wenn jemand fragte, warum er dieses Restaurant auserwählt hätte, antwortete Angus immer „Hier stimmen halt die Ramenbedingungen“. Dabei hatte das einen ganz anderen Grund, denn sein Onkel war, konnte man dem Gerede in der Stadt glaube, illegaler Hundefänger und der Restaurantbesitzer, wie auch viele andere Asia-Restaurants im Ruhrgebiet, Kunde seines Onkels. Angus war nun finanziell sorgenfrei und hatte neben der Herner Villa und einem stattlichen Geldbetrag auch die Express 3000 Goldkarte geerbt. Die bescherte ihm täglich ein kostenloses Essen im Palast Express 3000. Das Essen war zwar seit Onkels Tod vegetarisch, aber satt wurde er ja trotzdem. Der Franzose würde es sicherlich „Chien ne va plus“ nennen. Leider konnte Angus das Dauervegetarisch nicht vertragen, wollte aber nicht auf das kostenlose Essen verzichten. Der Geiz war ausgeprägter als Rücksicht auf Gesundheit und Partnerschaft.
Er bekam nämlich zunehmend Darmwinde durch Hülsenfrüchte, Kohl und Rohkost, die ihn vor sich selbst ekeln ließen. Wenn er Luft in den Raum stellte, konservierte der Geruch über Minuten. Er verlor auch einmal auf dem Weg zum rettenden Fenster die Besinnung, als ein kriechender Analhusten ihn auf dem falschen Fuß erwischte. Das kannte er sonst nur vom gemeinen Hotdog-Schweden, wenn er sich gierig einen riesigen Berg Röstzwiebeln auf das SB-Pökelprügel-Brötchen geschaufelt hatte. Er wollte sich auch nicht ausmalen, wie sich das, was sich nach außen kehrte wohl innerhalb des Körpers darstellte. Man könnte sagen, dass sein Körper bis zum „Druckausgleich“ der schützende Deckel eines brodelnden Topfes war und wäre es nur im Frühling gewesen, hätte man ihm sicherlich scherzhaft „Veronika, die Flatulenz ist da“ entgegenrufen können. Ganze 5 Monate hielt Veronika es mit ihm aus, dann schaffte sie einfach nicht mehr. Es ging ihr nicht um den Geruch, sondern eher um das Brennen in den Augen. Außerdem lebte Sie immer mit der Angst, dass jemand die Türklingel betätigt und dadurch das ganze Haus in die Luft fliegen könnte.
Veronika fehlte Angus einfach überall und jederzeit. Er war nicht komplett ohne sie und sie hatte nur eine Forderung gestellt: „Nie wieder Asia-Veggie“. Also ging er ab sofort zum Italiener und bestellte eine am Tisch aufgeschlagene Zabaglione, aß beim Spanier wieder Tapas oder genoss ein gutes Butter Chicken beim Inder. Er ernährte sich nun wieder ausgewogener und besuchte die Restaurants in seinem Viertel. Es gab also griechische Spezialitäten, leckeres Essen vom Türken und Syrer oder wieder deutsche Hausmannskost in Mückes Brauhaus. Hatte er mal übertrieben und seine Hosen drohten nicht mehr zu passen, holte er sich bei einem befreundeten Tierarzt die Abnehmspritze. Das war einfacher, als bei seinem Hausarzt erst einmal für Bluttests vorstellig zu werden. Ein halbes Jahr später konnte er Veronika zurückerobern, da sie merkte, dass sich die Sache mit dem Rückenwind fast komplett erledigt hatte. Außer wenn er mit ihr zum Hotdog-Schweden geht, um Teelichter und Kunstblumen zu kaufen. Da lockt der Phosphatschlauch im Brötchen am Snackstand hinter der Kasse noch heute, ohne dass er wirklich widerstehen kann. Da schaufelt Angus, nach Veronikas genehmigendem Nicken, wie in alte Zeiten immer noch gierig die Röstzwiebeln auf den Pökelpaule.
Stunden später wird Angus auf dem Sessel wach, weil ihn das fallende Fotoalbum aus dem Schlaf gerissen hat. Veronika ist auf dem Sessel gegenüber ebenfalls eingeschlafen und ihr hängt ein kleiner Sabberfaden aus dem linken Mundwinkel, der auf ihrem Oberteil einen feuchten Fleck hinterlassen hat. Sie ist auch von dem Lärm, den das fallende Buch erzeugte, nicht wach geworden und so schleicht Angus sich die Treppe herunter, um eine neue Flasche Nebbiolo aus dem Weinkeller zu holen. Als er unten angekommen ist, bemerkt er, dass es in der Wand Beschädigungen gibt, die ihm vorher nie aufgefallen sind. „Müssen wohl schleichende Bergschäden sein!“ murmelt Angus vor sich hin. Die sich bildenden Risse haben die Form einer Tür, was Angus verwundert, denn eine Tür hätte er hier nie vermutet, ist über dieser Stelle doch die Außenwand des Wohnzimmers. Erst zögert er, dann siegt aber die Neugierde. Er nimmt allen Mut und alle Kraft zusammen und stemmt sich mit Anlauf gegen die mit Putz bedeckte „Tür“, bis diese krachend nachgibt und er sich auf dem Boden eines geheimen Raums wiederfindet. Er steht auf und klopft sich den Putz von der Hose und dem Oberteil. Er blickt sich um und registriert, welches besondere Geheimnis dieser Wanddurchbruch preisgibt. In dem Raum sind alte Unterlagen seines Onkels. Er hat wohl wirklich jeden Lieferschein akribischer von Hand abgeheftet und katalogisiert.
Aber nicht etwa Lieferungen an die Asia-Restaurants, sondern an ihn. Bei genauer Durchsicht bemerkt Angus, was für ein Schlitzohr sein Onkel war. Die ganze Geschichte mit dem Hundefänger war von den Nachbarn erstunken und erlogen und sein Onkel hatte sie alle an der Nase herumgeführt, indem er einfach deren Spiel mitgespielte. Laut der Aufzeichnungen muss sein Onkel in Holland sogenanntes Welkfleisch, also unverkäufliche Qualität gekauft und dann an die Asiaten für einen viel höheren Preis weiterverkauft haben. Es war nie ein Hund zu Schaden gekommen. Stattdessen landete in den Woks Hühnerfleisch der Güteklassen F-K, das sein Onkel manchmal sogar geschenkt bekam, damit der Schlachthof die Entsorgung sparte. „Was ein gerissener Hund!“ murmelt sich Angus in den Bart, klopft sich nochmals etwas Putz von seinem Ärmel und schleicht sich leise wieder Richtung Sessel.