thirdeyecollector

Kunst

Ein Museum ist nicht nur eine Reise durch Fantasien von Künstlern, sondern auch der Eintritt in einen Mikrokosmos, ja fast ein Paralleluniversum. Beim Museumspersonal kann man zum Beispiel nach kurzer Ansicht erkennen, ob es jemand wegen dem Geld macht oder wegen des Geldes. So manche Sicherheitskraft ist nämlich so weit im Thema, dass man denkt, sie hätte bei der Erstellung des Kunstwerks neben dem Künstler gestanden. Andere Mitarbeiter wiederum machen den Eindruck, dass sie lieber 8 Stunden Kanthölzer mit einer stumpfen Laubsäge in 3cm-Stücke zerteilen würden, als sich auch nur eine Minute mit den ausgestellten Werken zu beschäftigen.

Ein weiteres Phänomen sind die Museumsshops, denn bei einigen Museen wirkt es so, als hätten Sie mehr Bücher über Kunst und Künstler, als Kunstwerke in ihren Räumen ausgestellt werden. Außerdem können Sie mit allerlei Kuriositäten aufwarten, wie etwa ein Radiergummi, das wie „Der Denker“ von Rodin geformt ist. Würde man mit dem Radieren beim Kopf angefangen, wäre es dann ja irgendwann nicht mehr das, was der Name suggeriert, denn der Hals denkt ja bekanntlich nicht. Wenn man erst den Sockel wegradiert, befindet die Figur sich irgendwann in Embryonalstellung, was eher verzweifelt als denkend wirkt. Und wer kam eigentlich auf die Idee, Gemälde als Puzzle anzubieten? Stilvoller wäre es da schon, das berühmte Gemälde zu kaufen, um es von Hand in 1000 Stücke zu teilen und es dann wieder zusammenzusetzen. Im Sinne der Künstler wäre wohl Beides nicht. Zu einer Frida Kahlo-Puppe zum Selberhäkeln möchte ich mich nun besser nicht äußern.

Die Besucher sind vielschichtig. Da gibt es zum Beispiel den Dauergast, der durch die Ausstellung flaniert, als würde er barfuß durch das hohe Gras einer süddeutschen Alm schweben. Er erkennt, wenn eine Änderung der Hängung vorgenommen wurde und nähert sich an der Schönheit der Werke immer noch mit kindlicher Neugier. Der Pseudo-Kunstkenner hingegen trägt einen Ausstellungsführer mit sich, navigiert mit interessierten Blicken durch die Ausstellung und täuscht durch leicht tänzelnde Bewegungen verschiedene Blickwinkel in Richtung Kunstwerk an. Bliebe man interessiert vor einem Feuermelder nebst an der Wand befestigtem Telefon stehen und interessiert betrachten, würde er sich dazugesellen und es auf dem Plan suchen. Dann würde er bei einer Bezugnahme zu diesem „Kunstwerk“ auf den nordischen Kunstexperten Ole-Einar Björndalen nickend zustimmen, nicht wissend, dass es sich hierbei um den mehrfachen Olympiasieger im Biathlon handelt.

Der Typ „uninteressierte Besucher“ hingegen hat nur einen Grund, das Museum zu besuchen und das ist nicht die Kunst selbst. Er treibt sich gerne im Museum herum, um seiner neuen Flamme zu imponieren, entweder weil er den Besuch initiiert hat oder ihr einen Gefallen tut und sie begleitet. Jeweils das Ziel: der mögliche Beischlaf.

Letztens hatte ich einen ganz besonderen Mitbesucher, der von seiner Spiegelreflexkamera begleitet durch die Ausstellung ging und immer abwechselnd das Kunstwerk und dann das Erklärungsschild fotografierte. Man hörte seine Kamera klicken und klicken und klicken, sodass man jederzeit seinen genauen Standort ermitteln konnte. Er wirkte fast schon getrieben in seinem Handeln, wodurch ich die Befürchtung entwickelte, dass er seine Familie in einem geheimen Kellerverlies hält und sie regelmäßig mit Diavorträgen von Ausstellungen der letzten 5 Jahre quält. Aber er schien kein Österreicher zu sein, daher verwarf ich den Gedanken direkt.

Bei den Kunstwerken gibt es diejenigen, die sich einem erschließen, also Landschaften, Gegenstände, Personen. Und dann gibt es die anderen, die Rätsel aufgeben, für Kopfschütteln sorgen und einen dazu bringen, den Kopf mit Schwung gegen eine Wand donnern zu wollen. Zum Beispiel Linien und Rechtecke in weiß, schwarz, blau, rot und gelb, sodass niemand weiß, wie herum man es aufhängen soll. Sie finden das abwegig? Was, wenn ich ihnen sage, dass sich bei einem so gestalteten Bild nach Jahrzehnten herausstellte, dass es falsch herum gehängt wurde und nun auch so hängen bleibt, weil es die Kunstwelt nicht anders kennt? Klingt komisch, ist aber so. Wenn sie es nicht glauben, fragen sie mal in Düsseldorf nach.

Bei manchen Kunstwerken denkt man sich „Ich kann mir doch nicht über Monate Heroin spritzen, um zu verstehen, warum der Künstler eine 1,5m x 2,5m Holzplatte mit 40 Schichten Farbe versehen hat. Alle schwarz.“ Der Umstand, dass man sich ein Ohr abschneiden und trotzdem noch als ernstzunehmender Künstler gelten kann, scheint befremdlich. Heutzutage würde man sich damit sicherlich eher für eine der zahlreichen Reality-Shows qualifizieren oder man wäre einfach Klapsenbester. Auch ein Gebäude komplett in Stoff zu verhüllen, wirkt eher wie ein in die Realität gewanderter Fiebertraum als ein echtes Kunstwerk. Das Gleiche gilt für eine mit Fett versehene Badewanne, die bei einer Putzfrau den Zwang der Reinlichkeit weckte: Es ist manchmal nur in den Augen vereinzelter Betrachter Kunst.

Sich heute als Künstler zu verwirklichen, bedeutet für viele selbsternannte Künstler, dies dann auch hauptberuflich zu machen. Sonst ist man halt ein IMA, also ein „Ich male auch“, was sich mittlerweile leider schon teilweise als Schimpfwort etabliert hat. Manchen reicht es auch nicht, wenn man an der Kunstakademie war, man muss da sogar studiert haben. Da hatten es die „Alten Meister“ schon einfacher. Sie waren oft sogar Meister ohne Meisterbrief.

zurück